Stängel-Blattschneiderbiene Megachile genalis im Mostviertel nachgewiesen

Die Blattschneiderbiene Megachile genalis kommt zwar in einem riesigen Gebiet zwischen Spanien und Japan vor, wird aber zumindest im europäischen Areal überall sehr selten gefunden. Aus Österreich liegen über einen langen Zeitraum hinweg nur wenige verstreute Funde aus einigen Bundesländern vor.

Das Besondere an der Art ist, dass sie ihre Nester als einzige Bienenart in lebenden Pflanzenstängeln selbst anlegt. Bekannt war bisher die Nutzung vor allem von Küchenzwiebeln, einigen Doldengewächsen und der Bienen-Kugeldistel. Dazu kommt, dass die Art an gewissen Korbblütengewächsen oligolektisch ist und nur dort Pollen sammelt. Aus der Kombination dieser Ansprüche resultiert offenbar die Seltenheit dieser Art.

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Kardenbestand in Melk

Kenntlich ist diese Blattschneiderbiene im weiblichen Geschlecht an einigen Merkmalen: Sie ist relativ groß, von dunkler Farbe, die Behaarung an den Thorax-Seiten und den ersten beiden Hinterleibsringen ist auffallend hell, und die weißen Tergitbinden an den Hinterleibsringen 3, 4 und 5 sind schmal und nur an den Seiten erkennbar, nicht durchlaufend. Die letzte Binde ist – im Gegensatz zu anderen ähnlichen Arten – besonders schmal und ebenfalls nicht oben durchlaufend, sondern nur an den Seiten sichtbar. Die orange Bauchbürste der Weibchen ist ohne deutlich schwarzen End-Abschnitt praktisch bis zum Ende durchlaufend. Damit könnte man die Biene bereits bestimmen, aber das wirklich eindeutige Merkmal betrifft die Mandibeln. Sie sind auffallend kräftig verstärkt und vorspringend, was ein Alleinstellungsmerkmal darstellt.

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Weibchen von Megachile genalis an Wegwarte

Ich konnte heuer im August und September die Art mit wenigen Weibchen im Firmengelände Gradwohl bei Melk feststellen. Dort befindet sich ein großer und dichter Kardenbestand. Durch gründliches Absuchen der Kardenstängel konnte ich in der Folge 3 Nester von M. genalis finden. Erhard Kraus zeigte mir dann einen noch viel größeren Kardenbestand an der Pielach bei Haunoldstein. Auch dort wurde ich fündig und sichtete bei mehreren Exkursionen bis zu 6 Weibchen und einmal sogar ein Männchen. In diesem zweiten Gebiet konnte ich sogar 6 Nester der seltenen Bienenart entdecken, was angesichts der enormen Zahl an Kardenstängeln keine leichte Aufgabe war. Pollen wurde in beiden Gebieten nur an der Wegwarte (Cichorium intybus) und an der Gemeinen Kratzdistel (Cirsium vulgare) gesammelt, die beide nur spärlich vorkamen und somit das Vorkommen von M. genalis limitierten. Andere Korbblütler wurden hingegen nicht besucht.

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M. genalis-Weibchen auf Gemeiner Kratzdistel präsentiert seine Mandibeln

An einem beflogenen Nest in Melk konnten spannende Beobachtungen und zahlreiche Fotos gemacht werden. Videos vom Polleneintrag und vom Eintrag geschnittener Blattstücke als Baumaterial können unter diesen Links eingesehen werden:

https://youtu.be/ohXjXVC–IM

https://youtu.be/_yiEv20_ubA

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Beflogener Nesteingang in einem Kardenstängel in 1,5m Höhe

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Weibchen von M. genalis trägt ein gerolltes Stück eines Haselblatts als Baumaterial für eine neue Brutzelle ein

Kennt man einen größeren Kardenbestand, in dessen Umfeld Wegwarten und Gemeine Kratzdistel vorkommen, so kann man mit dem Fund der Biene spekulieren. Die Fundorte der Stängel-Blattschneiderbiene können erhalten werden, indem man gezielt Maßnahmen zum Erhalt der Karden, aber auch der Pollensammelpflanzen setzt.

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Spuren der Tätigkeit von M. genalis an einem Haselstrauch

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Weibchen von M. genalis kehrt mit Wegwarten-Pollenladung zum Nest zurück

Wolfgang Schweighofer, 7.9.2021